Es gibt Buchempfehlungen, die treffen mitten ins Herz aktueller Debatten. Samirah hat mir ein Buch ans Herz gelegt, das 2009 erschienen ist – und es hat mich nicht mehr losgelassen. Es stammt von Edgar Most, einem außergewöhnlichen Mann, der nicht nur Zeitzeuge, sondern aktiver Gestalter wirtschaftlicher Entwicklungen war. Sein Lebensweg ist beeindruckend: Als Bauernkind lernte er früh den Wert harter Arbeit kennen, wurde Bankenlehrling und entwickelte sich zu einer der prägendsten Finanzpersönlichkeiten der DDR und später der Bundesrepublik. Sein Einsatz für eine gerechtere Wirtschaftsordnung war beispiellos.
Ein Leben für die Gesellschaft
Most war ein Mann, der nie nur für sich, sondern immer für das große Ganze dachte. 1989, als Vizepräsident der Staatsbank der DDR, war er eine Schlüsselfigur in der wirtschaftlichen Umbruchszeit. Als erster Ostdeutscher schaffte er es in die Chefetage der Deutschen Bank – ein Erfolg, der für viele unvorstellbar war. Doch seine größte Leistung bestand nicht im persönlichen Aufstieg, sondern in seinem unermüdlichen Einsatz für eine gerechtere Wirtschaftsordnung, insbesondere für die wirtschaftliche Stabilisierung des ehemaligen Ostens nach dem Mauerfall. Dabei kämpfte er gegen Ignoranz und mangelndes Verständnis der politischen Entscheidungsträger – ein Kampf, den wir nur allzu gut kennen.
Die Systemkrise und die Suche nach Lösungen
Mosts Analysen zur Finanz- und Wirtschaftskrise sind heute aktueller denn je. Er beschreibt die ungesunde Verflechtung von Schuldenwirtschaft, Kapitalkonzentration und Militärpolitik. Die steigenden Haushaltsdefizite und Militärausgaben der USA, insbesondere durch die Kriege in Vietnam, Afghanistan und dem Irak, hätten maßgeblich zur weltweiten Verschuldung beigetragen. Dabei stellt er eine entscheidende Frage:
Wie kann es sein, dass Kriege durch Wertevernichtung zu noch größerer Kapitalkonzentration und damit zur Bereicherung weniger führen?
Seine Antwort ist klar: Wir befinden uns in einer tiefen Systemkrise, die nur durch grundsätzliche Veränderungen gelöst werden kann.
Ein neues Bretton Woods – eine Forderung, die uns vereint
Was Most fordert, deckt sich mit unseren Überzeugungen: ein Bretton Woods II. Eine Weltwährungskonferenz, die das Finanzsystem neu ordnet, den Einfluss des US-Dollars als Weltleitwährung schrittweise abbaut und alle Währungen enger an die Realwirtschaft bindet. Er prangert an, dass alle bisherigen Maßnahmen der G20 lediglich Symptome bekämpfen, nicht aber die Ursachen der Krise.
Seine Vision ist eine Wirtschaftsordnung, in der der Staat zuerst der Gesellschaft verpflichtet ist – und nicht dem Kapital. Ein Gedanke, den wir in unserem zweiten Brief an die Entscheidungsträger aufgreifen sollten. Most als Stimme der Vernunft und des Mutes zu zitieren, wird unserer Argumentation zusätzlichen Nachdruck verleihen.
Ein Buch, das nachhallt
Stefan hat mir bereits ein weiteres Buch von Most bestellt – und ich freue mich darauf, noch tiefer in seine Gedankenwelt einzutauchen. Denn wenn wir etwas aus seiner Lebensgeschichte und seinen Analysen lernen können, dann ist es die Notwendigkeit, mutig neue Wege zu beschreiten. Die Wirtschaft braucht eine Neuordnung – und Menschen, die sich mit aller Kraft für das Gemeinwohl einsetzen. Edgar Most war einer von ihnen.
Mit lieben Grüßen und einem großen Dank an Dich, liebe Samirah, für diese inspirierende Lektüre!