Hörspiel: Hallo ich bin Geld

Von Frauen und Fiktion, Textfassung und Regie: Anja Kerschkewicz und Eva Kessler
Mit: Charlotte Pfeifer, Anne Kulbatzki, Rosario Bona, Gilles Chevalier
Im Interview: Samirah Kenawi, Carmen Losmann, Joan Tronto und Anna Saave
Besetzung: Jutta Kommnick, Komposition: Jonas Mahari,Ton: Michael Kube
Regieassistenz: Leonie Koll, Dramaturgie: Julia Gabel und Johann Mittmann
Deutschlandfunk Kultur 2024, Länge: ca. 54’30

Verkürzt abgeschrieben von der Ursendung: Josefa Maurer

Man spricht hier nicht über, sondern mit Geld. Auch Geld hat in diesem Hörspiel Sprache, kann zuhören und sich selbst besser verstehen lernen. Geld hofft auf Neugestaltung.  

Am Boden gefundenes Geld: ….Ich komme direkt von der Zentralbank.

Aber das allermeiste Geld ist nur virtuell im Umlauf, es kommt durch Kredite von privaten Banken. Bitte, lerne mich zu verstehen….

Carmen Losmann: Geld kommt durch Kredit in die Welt. Wenn alle Schulden zurückgezahlt würden, dann hätten wir kein Geld mehr.

Geld spielt eine wesentliche Rolle in der kapitalistischen Dynamik, Ungleichheit nimmt immer weiter zu, denn es ist derzeit kein neutrales Tauschmittel. Geld besteht aus Bankschulden. Geld ist eine Schuldbeziehung. Jeder Geldschein, jedes Guthaben auf einem Girokonto ist irgendwo eine Schuld bei einer Bank.

Banken erzeugen Geld mit ihrer Bankenbilanz. Jedes Mal, wenn eine Bank einen Kredit vergibt, entsteht Geld.

Banken müssen kein Geld einsammeln, um es an anderer Stelle wieder zu verleihen. Sie schaffen dieses Geld einfach selbst, durch Buchungen auf ihren Konten. Durch diese Bilanzverlängerung weiten Banken die Geldmengen aus, erzeugen neues Geld. Auf die linke Seite schreibt die Bank den von ihr vergebenen Betrag als Soll. Auf die rechte Seite, auf das Guthabenkonto des Kreditnehmers, schreibt sie dieselbe Summe als Haben. Die Bank erzeugt dieses Geld also per Knopfdruck aus dem Nichts. Die Bank gibt das Verspechen, jederzeit über dieses Geld verfügen zu können, der Kreditnehmer verspricht, dieses Geld zurück-zuzahlen. So verlängert sich die Bilanz der Banken.

Wir können nur Geld sparen, wenn jemand anderer im Wirtschaftskreislauf Geld aufgenommen hat.

Dieses Geld verschwindet wieder, wenn Kredite zurückgezahlt werden. Damit wird die Schuld gelöscht und die Gesamtgeldmenge wird weniger. Also, wenn alle Schulden zurückgezahlt würden, hätten wir kein Zahlungsmittel mehr. Kapitalistisches Geld besteht aus zirkulationsfähigen Schulden. Dieses Kreditgeldsystem wurde, z. B. in Deutschland, 1870 eingeführt. Dies setzte damals eine ungeheure Dynamik in Gang, welche die kapitalistische Ökonomie so erfolgreich macht. Aber, es wurde hier ein Schneeballsystem in Gang gesetzt. Ohne neue Schulden, ohne die Aussicht auf weiteres Wirtschaftswachstum gerät dieses Kreditgeldsystem in eine Krise. Deshalb gibt es Druck auf Wachstum, Menschen sollten sich gerne neu verschulden, neue Kredite aufnehmen, um Geld in den Wirtschaftskreislauf zu bringen.

Das Problem ist, dass das Privileg der Geldschöpfung weitestgehend privatisiert wurde. Private Geschäftsbanken bestimmen, wofür Geld erzeugt wird und wofür nicht. Das heißt, private Banken vergeben Kredite an gewinnträchtige Unternehmen, für profitable Geschäfte, damit auch klar ist, dass Kredite zurückbezahlt werden können. Die herrschende Geldordnung erzeugt zunehmende und mittlerweile extreme Ungleichheit und verstärkt gesellschaftliche Probleme, anstatt sie zu lösen.

Was haben Profite mit Leistung zu tun? Z. B. Immobilienwerte: Die Häuser sind von allein an Wert gestiegen.

Wie wir an Geld kommen, ist für Menschen, die nicht über Kapital verfügen, meistens an Leistung gekoppelt. Wer zu wieviel Geld kommt, ist enorm vermachtet, enorm ungerecht. Wir denken, dass Spitzenverdiener sehr viel verdienen, weil ihre Leitung so enorm hoch ist. Spitzenverdiener bekommen deshalb so hohe Einkommen, weil sie sehr nah an den Quellen des Profits sich verorten, also dort, wo relativ viel Geld hinfließt. Es geht hier nicht um Leistungsgerechtigkeit. Es fließt zu viel in die Taschen derjeniger, die sowieso schon zu viel haben.

Was sagt das Einkommen zum Wert der Arbeit?

Wohlhabende sind oft keine Leistungsträger, ganz im Gegenteil: Leistung erbringen diejenigen, die sehr viel und engagiert arbeiten.

Wertvoll im Leben sind Beziehungen zu Menschen, in der Familie, zu Kollegen, Nachbarn.

Wenn wir aufhören könnten, uns Sorgen um Geld zu machen und uns besser für einander kümmern könnten, würden wir in einer reicheren, befreiten Gesellschaft leben.

„Geld sollte Care kennenlernen!“

In einem Lied wird beschrieben, wie schön es ist, Menschen zu dienen, die Pflege brauchen. Sich kümmern ist eine Kunst.

„Geld und Care sollten zusammenarbeiten!“

Care-Arbeit ist sehr wichtig für die Gesellschaft, für die Wirtschaft. Meistens wird sie privat geleistet, im Haushalt und das ist günstig für kapitalistische Unternehmen. Sie müssen Lohnarbeiter bezahlen für die Zeit, in der sie im Betrieb arbeiten, aber nicht für die Zeit die nötig war, damit sie überhaupt Lohnarbeiter werden konnten und solche bleiben können. Es gibt Kräfte, die dies unbedingt beibehalten wollen, damit man weiterhin profitabel wirtschaften kann. Care ist ein Big- Player, 2013 betrug der Wert unbezahlter Arbeit in D 987 Mrd. Euro. Das entsprach in jenem Jahr 40% der gesamten Wirtschaftsleistung Deutschlands. Ohne Care-Arbeit würde gar nichts funktionieren. Es müsste die Logik geändert werden für Arbeiten, die Grundvoraussetzung für menschliches Leben sind. Im jetzigen System wird Care-Arbeit nicht nur ausgenutzt, sondern runtergemacht, weil sie nicht als richtige Arbeit, sondern als Liebesdienst, private Sache, oder als was Natürliches abgetan wird.

Könnten durch eine Steuer im Profitbereich, abgeschöpfte Gelder dem Care- Bereich zu Gute kommen?

Das Wirtschaftssystem wird als krank empfunden. Könnte Care es gesundpflegen?

Natur ist die größte Dienstleisterin: Bestäuberleistung der deutschen Honigbienen: 2 Mrd. €.

Natur spricht zu Geld: „Du bist verflucht! Seit du auf der Welt bist, bist Du verdammt dazu zu zerstören! Du bist groß und mächtig, aber, du weißt nichts über dich. Du musst Deine Geschichte verstehen! Geld, du musst deinen Fluch auflösen!“

Samirah Kenawi: Wir brauchen dich Geld, wir brauchen dich ganz dringend. Aber wir müssten dich auch ganz dringend von diesem deinen komplizierten Fluch befreien! Der erste sehr schwierige Schritt ist, diesen Fluch verständlich zu machen.

Geld, du bist so ungefähr 5000 Jahre alt. Am Anfang gab es eine Geschenkewirtschaft. Die war darauf aus, Menschen zu verbinden. Und dann, mit dem Sesshaft werden, entstand mehr und mehr die Tauschwirtschaft. Jetzt wurden Waren gegen Waren getauscht.

Der Fluch: Weil Geld später durch Münzen ein reines Tauschmittel wurde, das keinen Gebrauchswert mehr hatte, musste man es zusätzlich zu den Waren produzieren. Erz aus der Erde schürfen, Wälder abholzen, um dieses Erz zu verhütten, um daraus Metall herzustellen, um damit ein Tauschmittel zu schaffen. Geld. Als Geld zum reinen Wertesymbol wurde, fingen die Kaufleute an, Geld als Handelskapital zu nutzen. Sie kauften Waren im Fernhandel, um sie dann am lokalen Markt teurer weiterzuverkaufen. Aber dafür mussten sie mehr Geld einnehmen als ausgeben, und Handelskapital horten. Das größte Problem ist, das Geld heute oft an den Finanzmärkten gehortet wird, anstatt in gesellschaftlich sinnvolle Wirtschaftsinvestition zu fließen, z. B. für Maßnahmen zum Klimaschutz, oder zukunfts-fähige Jobs, Produkte oder Dienstleistungen. Und dadurch stockt der Geldfluss, denn die Finanzmärkte und die Realwirtschaft sind eng miteinander verbunden. Das Problem ist das Horten des Geldes. Weil es immer wieder knapp wird, muss immerzu neues Geld geschöpft werden. Vereinfacht gesagt: Häuser werden nicht gebaut, weil wir Geld haben, sondern weil wir Geld, neue Kredite, brauchen. Banken suchen nach Investitionsmöglichkeiten. Das aber führt zu ökologischen Problemen. Es geht um unseren Bedarf an Geld, nicht um unseren Bedarf an realen Dingen!

Etwa 75% der Kredite werden nicht für die reale Wirtschaft, sondern für Geschäfte auf den Finanzmärkten aufgenommen! Für Aktien und Co. Es wird in Dinge investiert, die eine Wertsteigerung versprechen und diese Dinge werden dann auch tatsächlich teurer, weil immer mehr Geld da reinfließt. Wir haben eine Müllhaldenindustrie, wir produzieren zum Wegwerfen, anstatt in die wirklich wichtigen Dinge zu investieren. Wir bräuchten biologische Landwirtschaft, gute Care- und Bildungsarbeit.

Für den Ausweg aus dem Fluch wäre es notwendig, die riesigen Vermögen abzubauen und die riesigen Schulden abzubauen. Beides gehört ja zusammen. Dann müssten wir keine riesigen Häuser mehr bauen, um Geld in den Umlauf zu bringen. Dann könnten wir alle mit sehr viel weniger Arbeit glücklich und zufrieden leben.

Wenn Schulden und Guthaben gleichzeitig entstehen, ist Geld ein Verrechnungsmittel, es macht keine Probleme, z. B. Kerbhölzer.

Es gab in der Geschichte Geld, welches nur für einen bestimmten Zweck in den Umlauf kam: Z. B. „Wasserwerkgeld“. Weil dringend sauberes Wasser gebraucht wurde und Geld zu knapp war, druckte die Stadtregierung von New York (18. Jhd.) Wasserwerkgeld, um das Rohmaterial und die Arbeitskräfte zu bezahlen. Danach verschwand dieses Geld wieder. Die Stadt hatte zugesagt, dass man mit diesem Geld Steuern bezahlen kann! Dieses Geld brachte Arbeit, ein gemeinsames Ziel wurde erreicht. Danach, als diese Scheine wieder in der Stadtregierung landeten, wurden sie verbrannt.

Die Menschen glauben, Geld wäre heute unveränderlich, weil sie sie Geldschöpfung nicht mehr hinterfragen.

Geld ist ein Werkzeug. Wenn die Menschen verstehen, dass es in der Geschichte anders war, verstehen sie vielleicht auch, dass es in der Zukunft anders funktionieren könnte.

Geld: Du, Mensch glaubst, dass du abhängig bist von mir! Nein, du entscheidest mein Design, du entscheidest wer ausgeschlossen bleibt. Ich bin abhängig von dir! Und deshalb möchte ich dir eine Aufgabe hinterlassen: Mich zu verändern! Das hier ist meine Abhängigkeitserklärung!

Stell dir eine Zukunft vor, mit einer neuen Geldordnung, einem neuen Gelddesign. Stell dir eine Welt vor, in der ich genutzt werde, um Brücken zu bauen und Gemeinschaften zu stärken. Stell dir vor, ich sorge für Leistungsgerechtigkeit, dein Wert hängt nicht mehr davon ab, wieviel du verdienst, sondern davon, wieviel du für die Gemeinschaft tust! Stell dir vor, du arbeitest nur 3, 4 Stunden am Tag und kannst trotzdem gut leben. Ich kann eine Welt ermöglichen, in der alle die Freiheit haben, über ihre eigene Lebenszeit zu entscheiden, als Grundrecht. Was wäre, wenn ihr nicht sagt: „Wir wollen produktiv sein“, sondern, „wir wollen reproduktiv sein!“ Dann käme ich Care näher und wir würden dafür sorgen, dass eure Bedürfnisse und das Leben selbst im Mittelpunkt stehen. Stell dir vor, ich werde nicht mehr gehortet, sondern kann im Kreislauf fließen und ganz viel bewirken! Stell Dir vor, ich werde für öffentliche Infrastruktur geschöpft, für Altenpflege, Schulen, Kindergärten, Schwimmbäder. Stell Dir vor, ich schütze die Natur, statt in leerstehenden Häusern zu versanden, saniere ich, schaffe benötigten Wohnraum und fließe in Aufforstungen.

Ich, Geld, bin echt groß und mächtig. Aber meine wahre Kraft liegt darin, wie ich eingesetzt werde. Nutze meine Fähigkeiten, um echte Veränderungen zu bewirken. So wie die Stadt New York einst Wasser aus einer fernen Quelle holte, kannst du mich durch ein kluges Gelddesign in eine erstrebenswerte Zukunft fließen lassen. Du kannst das zwar nicht allein, aber als Wir könnt ihr ein Geldsystem entwickeln, das für alle funktioniert! Also, hört auf, mich zu beschweigen, sprecht mit mir und über mich. Befragt zusammen mit anderen meine Schöpfung: Wo entstehe ich, wer erhält mich zuerst und wofür entstehe ich. Die Antworten auf diese Fragen sind entscheidend, weil sie festlegen, was in Eurer Gesellschaft am meisten zählt und wie ihr zusammenlebt. Wenn ich keine Naturgewalt mehr für dich bin, erscheinen auch die sozialen Muster, die ihr Kapitalismus nennt, veränderbar! Ich freue mich auf eure neue Geldordnung! Ich freue mich darauf, in dieser zukünftigen Geldordnung für dich zu fließen.

2 Gedanken zu „Hörspiel: Hallo ich bin Geld

  1. Eine wirkliche Alternative zum aktuellen Fiatgeld-System ist die Humane Marktwirtschaft:
    – Ein 13 Minuten-Video zur Humanen Marktwirtschaft: https://www.youtube.com/watch?v=pXRNsLUn1Yw
    – die 2-stündige Video-Version zur Humanen Marktwirtschaft: https://www.youtube.com/watch?v=5qneieNBs_w
    – Und hier eine Zusammenfassung: https://www.anderweltonline.com/fileadmin/user_upload/upload_Redaktion/PDF/PDF_2023/HMW-Auszuege.pdf

    Geld sollte keine Schuld beim privaten Bankensystem sein.
    Es sollte ein individuelles Guthaben sein und von uns Menschen geschöpft werden: https://friedenskraft.suterapps.ch/media/6705595fe3855b06482eb4d4WirMenschensinddieeinzigenGeldschöpfer(CHF).pdf

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